Studio Noju

Studio Noju wurde 2020 von Eduardo Tazón und Antonio Mora in Madrid gegründet und bewegt sich zwischen Architektur, Interior und Design. Mit der Wohnung in Javier Sáenz de Oízas ikonischen Torres Blancas realisierten sie ein Projekt, das persönlicher kaum sein könnte: ein aufwendiges Experiment, um historische Architektur mit zeitgenössischen Einflüssen zu verbinden. Wir haben sie getroffen und dazu befragt.

Wie ist es euch gelungen den ursprünglichen Charakter der Wohnung wiederzubeleben?

Die originalen Pläne aufzutreiben, war gar nicht so einfach. Die gebaute Version des Turms wich deutlich von den Archivzeichnungen ab, die damals bei der Stadt eingereicht wurden. Zum Glück stieß der Hausmeister – der das Gebäude seit Jahren betreut – auf einen der ursprünglichen Grundrisse dieser Etage. So konnten wir den aktuellen Zustand mit dem geplanten vergleichen und einige der ersten Ideen des Architekten für das Interieur nachvollziehen. Von da an ging es darum, das Gebäude als Ganzes zu lesen: Fassade, Innenräume, Materialien, Farbigkeit, Zirkulation – ein vielschichtiges architektonisches Vokabular. Uns interessierten vor allem die subtilen Details, die nie im Katalog des Denkmalschutzes auftauchten: das bernsteinfarbene Licht, das durch die Glasbausteine fällt, oder die Art, wie sich Bewegungen durch die geschwungenen Linien der Struktur leiten lassen. Offiziell nicht geschützt – aber essenziell für die DNA des Hauses.

Wie habt ihr zwischen architektonischem Erbe und eurer eigenen Gestaltungssprache vermittelt?

Wir sehen uns nicht als Gestalter, die an einem rein traditionellen Verständnis von Denkmalschutz festhalten. Natürlich gibt es Situationen, in denen eine originalgetreue Wiederherstellung entscheidend ist. Aber hier waren wir überzeugt, dass die Wohnungen nie dafür gedacht waren, in der Zeit eingefroren zu bleiben. Im Gegenteil: Ihre Weiterentwicklung ist der Schlüssel, um das Gebäude relevant und lebendig zu halten. Es ist schließlich ein Wohnhaus. Es muss mit dem Leben seiner Bewohner wachsen. Wir glauben auch, dass die ursprüngliche Architektur eine Art geheime Parameter formuliert hat – eine Sprache, die sich immer wieder neu interpretieren lässt, ohne den Geist der ursprünglichen Vision zu verlieren.

Was hat eure retro-futuristische Farb- und Materialwahl inspiriert?

Die Materialität kam direkt vom Gebäude selbst. Der Steinboden im Eingangsbereich findet sich auch in den Fluren wieder, die zu den Wohnungen führen. Diese Palette haben wir erweitert und in neue Oberflächen übersetzt, die die Originale zitieren, ohne sie zu kopieren. Die Farbe der Küche zum Beispiel knüpft an die alten Keramikfliesen an, während die Messingdetails vom Treppengeländer inspiriert sind, das wir erhalten haben.

Warum war es euch wichtig, Details wie den Speiseaufzug zu bewahren?

Der Speiseaufzug verkörperte die Idee des Architekten: ein vertikales Stadtviertel, das Dienstleistungen und Gemeinschaft in einem Hochhaus bündelt. Ursprünglich waren sogar Läden, Friseure, Kindergärten und eine Kapelle vorgesehen. Am Ende wurde nur das Restaurant im 22. Stock realisiert, das 14 Jahre lang betrieben wurde. Es bot nicht nur einen spektakulären Blick über die Stadt, sondern belieferte die Bewohner über die Aufzüge direkt mit Essen. Selbst die kleinsten Wohnungen konnten diesen Service nutzen – aber das System war seiner Zeit voraus, die Küche kam mit der Nachfrage nicht zurecht, und bald wurde es stillgelegt. Für uns war klar: Den Aufzug zu erhalten, bedeutet, die Geschichte gemeinschaftlicher Nutzung sichtbar zu machen. Ihn zu entfernen oder zu verstecken – wie es viele getan haben – hätte ein wichtiges Kapitel ausgelöscht.

Was hat euch persönlich an diesem Projekt gereizt?

Wir haben Torres Blancas schon im Studium entdeckt – ein Gebäude, das uns wegen seiner Komplexität, seiner avantgardistischen Ideen und seiner Schönheit nie losgelassen hat. Dass wir einmal Teil seines Erbes werden würden, hätten wir nie gedacht. Dieses Projekt war die Chance, eine Ikone aus einer neuen Perspektive zu erleben.

Wie spiegelt die Renovierung eure Gestaltungsphilosophie wider?

Als eines unserer ersten realisierten Projekte hat es unsere Haltung stark geprägt – vor allem die Idee, dass jedes Projekt seine eigene Sprache entwickeln kann. Wir versuchen, den Begriff „Trend“ so weit wie möglich aus unserem Denken herauszuhalten. Das ist heute schwer, bei all den Referenzen, die täglich auf uns einprasseln. Aber wir glauben, echte Originalität entsteht, wenn man bewusst woanders hinschaut. Torres Blancas zeigt, dass Architektur zeitlos wird, wenn sie sich dem Modischen widersetzt.

Welches Detail bereitet euch im Alltag die größte Freude?

Die geschwungenen Formen schaffen Räume, wie man sie sonst nirgends findet. Durch diese Kurven zu gehen, vermittelt Ruhe und Freude. Am schönsten sind aber die Außenbereiche voller Grün, das nahtlos ins Innere übergeht. Jeden Morgen werfen die Äste ihre Schatten an die Wände – ein tägliches Schauspiel, das Wohnen hier so besonders macht.

Wie hat das Leben hier euer Verständnis von Wohnen und Architektur verändert?

Diese Wohnung ist ein täglicher Beweis dafür, was große Architektur bewirken kann. Sie steht in krassem Gegensatz zu den meisten Räumen, die wir im Alltag betreten – Gebäude, die zunehmend austauschbar und spannungslos wirken. Dieses Zuhause zeigt uns, dass unsere gebaute Umwelt so viel mehr sein kann. Als Architekten wollen wir dazu beitragen – über bloße Stilwechsel hinaus. Es geht darum, neue Formen des Wohnens zu entwickeln, die einzigartig, originell und gut für das Wohlbefinden sind. Sich an Beliebigkeit zu gewöhnen, ist gefährlich. Hier zu leben, bestärkt uns darin, Architektur zu schaffen, die inspiriert.