Das Auktionshaus hat die Aufgabe, Preise für schon kanonisierte Positionen zu untermauern und zu festigen. Wir bieten keine Kunst an, die zum ersten Mal verkauft wird, wie es in der Galerie oder beim Künstler direkt der Fall ist. Die Werke haben oft schon eine Geschichte mit mehreren Eigentümerwechseln hinter sich, und der Preis, der einst mal dafür gezahlt wurde, hat sich verändert. Im besten Fall nach oben. Ja, manchmal aber auch nach unten oder geradeaus. Das immer so schwer zu begreifende „Der Markt hat gesprochen“ hilft in dem Fall sehr, weil Preise – wie so oft – auch nur Erfindungen sind. In dem Moment, in dem aber dieser Markt den Preis bestätigt oder sogar noch einmal toppt – oder auch in die andere Richtung die Entscheidung fällt –, gibt es eine dritte Stimme, die diesen Wert stützt und definiert. Darauf baut dann auch die zukünftige Preisentwicklung und die Relevanz einer Position auf.
Ich würde es eine Siebebene nennen. In einem sich immer wieder überhitzenden Marktumfeld mit der Sehnsucht nach tollen Rekordpreisen und Hoffnung auf Investitionen finde ich es wichtig, spannend und relevant, dass es eine weitere Dimension gibt, die das Ganze einordnet.
Wir sind keine Marktmacher. Das muss man ganz positiv den Galerien zuschreiben. Wir überlegen uns aber schon sehr gut, was wir in die Auktion aufnehmen und was wir ablehnen. Über die nun fast 40 Jahre der Unternehmensgeschichte kam und kommt es – auch durch meine Vorgängerinnen und Vorgänger und die ganzen Kollegen – immer wieder zu richtig tollen, mutigen Schritten. Für die Künstlerin Lotte Laserstein beispielsweise konnte Grisebach einen der ersten Rekorde aufstellen,obwohl sie bis auf einen engen Kennerkreis noch ziemlich unbekannt war. Gerade Kunst von Frauen wird auch heute noch oft nicht wertgeschätzt und wird durch eine bewusste und auch mutige Aufnahme in die Kataloge plötzlich einem anderen Publikum präsentiert.
Da gibt es zwei Optionen. Einerseits ganz klar: der Preis. Man ist schon sehr aufgeregt, wenn man sich um eine Einlieferung bemühen darf, die siebenstellig ist. Das andere sind die Einlieferungen, die einen berühren. Das ist unabhängig vom Preis und hat bei mir oft mit einer Nähe und dem persönlichen Kontakt zu tun. Man darf in eine Geschichte eintauchen. Genauso aber auch, wenn es sich um Werke handelt, die sehr geliebt wurden und man weiß, da vertraut dir jemand seinen Schatz an. Dann ist egal, ob der jetzt 5.000 € kostet oder 500 €. Da geht es dann vorrangig um dieses emotionale Momentum, das mich wahrscheinlich viel mehr vom Hocker haut als das Monetäre. Am Ende hat beides einen Gänsehauteffekt – vor allem, wenn dann die Auktion vor der Tür steht, der Hammer fällt und man echt staunt, was manchmal möglich ist.
Ich habe den Eindruck, dass diese gläserne Decke von Preisen immer noch existiert. Diese fünf bis acht Millionen, die immer wieder mal auch bei Kollegen aufkommen. Der Grund dafür kann sein, dass es immer noch die Überzeugung gibt, dass Werke, die auf einen Wert von über zehn Millionen geschätzt werden, an den berühmten Verkaufsmarktplätzen noch besser funktionieren, weil es dort noch einmal ein anderes Publikum gibt. Das Gemälde von Max Beckmann, unserem sogenannten Hausgott, hat eine ganz besondere Beziehung zu unserem Portfolio an Künstlern des deutschen Expressionismus. Noch dazu kam es über Bernd Schultz, unseren Gründer, der heute 83 ist und der zu der einliefernden Familie eine ganz enge, lange Beziehung hat. Das heißt, es war schon ein sehr persönlicher, magischer Grisebach-Moment. Wir sind gut in dieser tailor-made, feinen, persönlichen Herangehensweise – aber dennoch gibt es eine Argumentation, warum man bestimmte internationale Werke von Künstlern wie Cy Twombly oder Mark Rothko eher an diesen internationalen Marktplätzen sieht. Und das sehe ich durch den Verkauf des Selbstporträts nicht wirklich korrigiert.
Hier ist es auf jeden Fall ruhiger und konservativer. Aber auch sehr loyal, sehr verlässlich und wenig anonym. Ich kenne plus/minus all unsere Kunden und verbinde damit auch wirklich im weitesten Sinne ein Gesicht. Das ist, glaube ich, eine Entscheidung gegen das zum Teil sehr feldorientierte, Anonymere – hin zu etwas Intimerem, Persönlichen. Und auch dafür, näher am Werk zu sein.
Die Ökonomin Clare McAndrew hat das in einem Interview, das vor einiger Zeit in der FAZ erschien, sehr gut erklärt. Es gibt den Bereich bis 5.000 €, der Lust und Leidenschaft und das Gefühl abdeckt, etwas zu brauchen, das einen glücklich macht, das den Geist nährt. Auch daraus kann eine gute Investition entstehen – aber eher „aus Versehen“. Und der andere Bereich ist dieser wirklich hochpreisige Bereich, der bei uns ab einer Viertel- oder halben Million entsteht – ein Bereich, in dem man Werte kauft, die bereits vom Markt bestätigt wurden und die sich halten werden.
Dem Goldvergleich zufolge würde ich in der aktuellen Situation denken, dass sich das schon Gesetzte weiter bestätigt und das leidenschaftlich motivierte Kaufen etwas gehemmt ist.
Die Stimmung in einem Auktionssaal ist sehr besonders – man kann wirklich nur herzlich dazu einladen. Viele sind immer wieder überrascht davon, dass es sich bei Kunstauktionen um öffentliche Veranstaltungen handelt. Man muss sich nicht besonders anziehen, man muss kein Ticket lösen, und es passiert auch nichts, wenn man winkt. Ganz unabhängig von der Kunst kommen verschiedene Menschen zusammen, die sich ohne Absprache entscheiden, auf dieses eine Los zu setzen.
Obwohl alles sehr präzise vorbereitet ist, gibt es am Ende diese fünf Prozent, die nicht steuerbar sind und die häufig für Gänsehaut sorgen. Am Telefon oder auch im Saal sitzen echte Menschen mit ihren emotionalen Regungen, die von uns nicht zu kontrollieren oder zu beeinflussen sind. Und so kommt es manchmal zu diesen magischen Momenten. Es ist komplett still im Saal, und du weißt: Da überlegt jemand an den Telefonen: gehe ich noch weiter oder nicht? Dieses Anhalten ist wie ein retardierendes Moment in der Musik. Und wenn jemand etwas unbedingt haben möchte, entsteht ein Preis, der mit unseren Einschätzungen gar nichts mehr zu tun hat. Da steckt viel Emotion drin und das ist überwältigend schön. Unabhängig davon, dass wir daran auch verdienen. Ich glaube, es gibt niemanden im Saal, der diesen magischen Moment nicht versteht.





