Gonzalez Haase – AAS

Berlin ist nicht mehr das, was es vor 30 Jahren war, so viel ist sicher. Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez machten den Wandel der Hauptstadt mit. Und sind geblieben. Ein Glück, denn ohne ihr Studio Gonzalez Haase AAS würden viele Ecken heute anders aussehen. Die meisten ihrer Projekte realisieren sie heute aber im Ausland – in Italien, Frankreich und Korea zum Beispiel. Ein Gespräch über das Erwachsenwerden in der Kreativmetropole.

Euer Wirkungsradius ist riesig. Ihr habt schon an vielen Orten auf der Welt gelebt und gearbeitet, in New York und Paris zum Beispiel. Mit Berlin aber habt ihr eine andere, gar untrennbare Verbundenheit. Könnt ihr euch noch an eure ersten Eindrücke der Stadt erinnern?

JH: Ich bin schon vor dem Mauerfall nach Berlin gezogen, im Sommer 1989, und habe in einer WG hinter dem KaDeWe gewohnt. Ich kam hierher, weil Berlin die einzige Stadt in Deutschland war, die Architektur an einer Kunsthochschule anbot. Die kreative Szene in der Zeit ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich war oft im „Dschungel“, einer Diskothek in der Nürnberger Straße in Charlottenburg – da kamen Künstler, Schauspieler, Modedesigner und Musiker zusammen.

PJG: Das erste Mal kam ich 1996 nach Berlin, um mich mit alternativen Theaterformen zu beschäftigen. Ich erinnere mich, dass Mitte ein schwarzes Loch war. Es gab kein Licht in den Wohnungen und wenige alternative Bars und Clubs, die meisten Gebäude waren noch unsaniert. Als wir 1999 beschlossen, AAS zu gründen, hatten wir das Gefühl, viele Möglichkeiten zu haben. Ich vermute aufgrund der Tatsache, dass man eine Gemeinschaft schaffen konnte und nicht gezwungen war, in eine bestehende einzutreten. Es ist wohl einmalig, in eine Stadt zu kommen, die alles neu erfinden muss. Heute ist Berlin größtenteils zu einer standardisierten europäischen Großstadt geworden, im Guten wie im Schlechten.

Anfang des Jahres habt ihr für den neuen Laden der koreanischen Eyewear Marke Yun die Fassade der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche studiert. Habt ihr euch jemals an den Denkmälern der Stadt satt gesehen?

JH: Berlin hat viele Bezirke, die sehr unterschiedlich sind. Ich habe in Schöneberg, Wilmersdorf, Kreuzberg, Friedrichshain und Prenz- lauer Berg gelebt und gearbeitet. Bald zieht unser Büro nach Mitte. Jedes Mal entdeckt man dabei ein anderes Berlin.

PJG: Ich habe immer gesagt, dass Berlin die Qualitäten einer Großstadt hat, nur ohne die Unannehmlichkeiten. Die Realität ist, dass diese Unannehmlichkeiten zu dem gehören, was eine entwickelte und aktive Stadt eben ausmacht: lange Warteschlangen, zu viele Menschen und Tourismus, der Geld mit sich bringt. Natürlich geht dabei etwas verloren, aber dieses Etwas ist auch das, was man war, als man jünger war. Ich bin mir nicht sicher, ob es vielen wirklich lieber wäre, wenn die Stadt heute noch genauso wäre wie vor 20 Jahren. Berlin ist erwachsengeworden und vielleicht nicht mehr so relevant für unsere Arbeit. Aber wir leben hier sehr gerne.

Habt ihr den Eindruck, ihr werdet in eurer Außenwahrnehmung oft mit Berlin in Verbindung gesetzt?

JH: Ja, sehr. Wir werden sogar manchmal explizit beauftragt, um den „Berliner Designstil“ in eine andere Stadt zu holen. Was auch immer das sein mag.

PJG: Als wir anfingen, in Berlin zu arbeiten, war die Wirtschaft lahm. Die Kunstszene war dynamisch und viele Künstler zogen hierher, um sich größere Räume leisten zu können. So wurde die Stadt für viele Jahre zu einem wichtigen Ort für Non-Profit-Kunsträume. Die schon bekannten Künstler, die in die Stadt kamen, wurden von ihren Galeristen aus anderen Regionen betreut. Einige Mutige sind ihnen gefolgt und eröffneten hier Räume. Bei der Gestaltung dieser Galerien musste eine klare Strategie her, um die Kosten niedrig zu halten.

Wie ist euch das gelungen?

Zum Beispiel mit starker Beleuchtung, die den gesamten Raum auf sehr gleichmäßige Weise durchflutet. Licht kann einen ganzen Raum zusammenbringen, ohne dass man nachhaltig in die Substanz eingreifen muss. Berlin ist eine dunkle Stadt, die während des langen Winters mit kurzen Tagen sehr wenig Tageslicht abbekommt. Der andere Aspekt ist, dass wir nicht viel bauen. Bei den Räumen, mit denen wir gearbeitet haben, haben wir alles entfernt, was nicht Teil des Grundgerüsts oder der Außenhülle war, und die eigentliche Bauabsicht des ursprünglichen Architekten offengelegt.

Bekommt ihr mehr Anfragen aus Deutschland oder von internationalen Auftraggebern?

JH: Wir bekommen mehr internationale Anfragen. Zur Zeit haben wir Projekte in London, New York, München und weiteren Städten.

PJG: Wir arbeiten wahrscheinlich zu 80 bis 90 Prozent außerhalb von Deutschland. Als sich unsere Arbeit noch auf kunstbezogene Räume konzentrierte, haben wir hauptsächlich in Berlin gearbeitet und im Zuge dessen auch einige internationale Galerien oder private Kunstsammlungen entworfen. Heute hat sich das gewandelt. Da es viele Galerien nicht mehr nötig haben, den Namen des Architekten zu kommunizieren, wurde die Modeindustrie zu einer wichtigen Einnahmequelle für das Studio. Man wird in dieser Branche sehr schnell sichtbar. Die großen Modehäuser müssen überall auf der Welt ihre Flagship-Läden eröffnen.

Wie hat sich die Design-Community in Berlin in den letzten zwei Jahrzehnten verändert?

PJG: Es gibt eine neue Generation von Architekten und Designern, zwischen 30 und 40, die sehr offen für den Austausch ist. Man hat hier nicht wirklich das Gefühl, mit anderen zu konkurrieren, wie es vielleicht in Städten wie New York oder Paris der Fall ist. Wahrscheinlich, weil die Berliner Designlandschaft noch vergleichsweise jung ist und es hier nicht so viel Geld zu verdienen gibt wie an anderen Orten. Man fühlt sich hier eher als Teil einer Gemeinschaft, die in der Lage ist, zusammenzuarbeiten.

Welche Rolle spielt das Netzwerk in eurer Arbeit?

JH: Ein Netzwerk aufzubauen und im Austausch zu sein ist immer wichtig und die Basis für unser Atelier. Da wir vorwiegend international arbeiten, waren wir nie wirklich nur auf die Gestaltungs-Com-munity in Berlin fokussiert. Wir arbeiten interdisziplinär, das heißt mit Künstlern, Manufakturen, Musikern, Bühnenbildnern, Architekten, Designern, Tänzern, Licht- oder Duftgestaltern zusammen, mit unterschiedlichsten Kreativen. Alles befindet sich ständig im Wandel, speziell in unserem Bereich der Gestaltung ist ein Netzwerk besonders wichtig.

Bringt euch der Austausch mit Nachwuchsdesigner:innen auf neue Ideen?

JH: Der Austausch mit jungen Architekten, Designern, Künstlern ist immer sehr spannend für uns. Wir halten Vorträge, sind Jurymitglieder und geben, wenn es sich zeitlich ergibt, Workshops an Hochschulen und Universitäten.

PJG: Unser Team ist noch sehr jung. Als wir anfingen, gehörten wir alle der gleichen Generation an. Zwanzig Jahre später ist es eine neue Generation, die mit uns zusammenarbeitet. Zuzuhören und zu sehen, was sie inspiriert, ist von großer Bedeutung, um auf dem Laufenden zu bleiben und zu verstehen, was dahintersteckt. Wir hören zu.

Wie hat sich eure persönliche Sicht auf Berlin verändert?

JH: Es wurde viel internationaler. Seit den 2000ern wird Berlin als kreative Hauptstadt Europas wahrgenommen. Für uns ist die Stadt nach wie vor eine gute Basis, von der aus wir international arbeiten können. Wir sind 1999 aus New York hierher gezogen und haben unser Atelier gegründet. Der Moment war perfekt und auch heute noch ist Berlin als Standort sehr interessant, richtig und wichtig für uns.

PJG: Berlin ist sehr attraktiv durch das, was die Geschichte aus der Stadt gemacht hat. Die Kunst war lange der Treibstoff und hat alle anderen Kreativen angezogen. Jetzt scheinen die Institutionen und das Land damit zu kämpfen, das, was sich damals entwickelt hat, zu erhalten und zu transformieren

Ist die Stadt dennoch ein sinnvoller Ort für junge Architektinnen und Designer?

JH: Auf jeden Fall. Berlin ist sehr international und offen für eine kre- ative Szene. Es gib fantastische Ausstellungen, Galerien und gute Hochschulen. Fast jeder fünfte Studierende aus dem Ausland: aus China, Indien, der Türkei, aus Spanien und Italien. Das macht Berlin besonders spannend. Auch unser Büro setzt sich vorwiegend international zusammen. Unsere Bürosprache ist Englisch.

Wenn ihr Berlin doch einmal temporär den Rücken kehrt, wo geht es dann hin?

JH: Ich fahre regelmäßig in die Berge nach Österreich zu meinem Onkel. Dort ist die Zeit stehen geblieben.

PJG: Ich habe Berlin nicht wirklich satt. Oder ständig. Ein extrem gutes Team zu haben, hilft mir, Abstand zu gewinnen und manchmal nach Südfrankreich und Nordspanien zu fahren, wo ich mich im Winter gerne aufhalte.

Was ist eure liebste Freizeitbeschäftigung?

JH: Entspannen kann ich am besten, wenn ich fotografiere. Der Fokus durch die Linse und die Reduktion meiner Sicht auf einen Punkt ist wie Meditation. Ich fotografiere Landschaften, Natur oder Personen in meinem engsten Umfeld im räumlichen Kontext.

PJG: Tagsüber spazieren gehen und mit meinem Hund spielen, abends kochen und Wein auswählen.

Wofür steht eigentlich AAS?

JH: AAS steht für Atelier für Architektur und Szenografie. Pierre Jorge ist Szenograf und ich bin Architektin.

PJG: Für uns war es wichtig, einen Namen zu haben, der ein breites Spektrum dessen abdeckt, was wir tun können.