Hannah Vranko

Weniger Trends, mehr Intuition

Liebe Hannah, stell dich doch bitte kurz vor.

Ich bin Hannah Vranko, ursprünglich aus Zagreb in Kroatien und seit mittlerweile 13 Jahren in München zu Hause, mit dem einen oder anderen Zwischenstopp. Studiert habe ich Produkt- und Industriedesign, beruflich hat es mich jedoch schnell in die Art Direction verschlagen. Nach einigen Jahren in Kommunikationsagenturen begann ich, mich intensiv mit Interior Styling zu beschäftigen und konnte dabei viel von einem der besten Interior-Fotografie-Teams, Lerkenfeldt / Vest, lernen. Heute arbeite ich einen Teil der Woche als Art Director für ein nachhaltiges Textilunternehmen. Den anderen Teil widme ich meiner freiberuflichen Arbeit in den Bereichen Creative Direction, Art Direction, Fotografie und Styling, sowohl allein als auch gemeinsam mit meiner kreativen Partnerin im Studio h and m. Neben all den kreativen Disziplinen bin ich außerdem Mutter eines kleinen Kindes.

Warum wohnst du dort, wo du wohnst?

Ich lebe jetzt seit vier Jahren in dieser Wohnung. Eigentlich begann alles mit einer Anzeige, die nur einen handgezeichneten Grundriss und die Überschrift „Selbst renovieren erforderlich“ zeigte. Für mich fühlte sich das sofort nach einem absoluten Ja an. In einer Stadt wie München, in der der Wohnungsmarkt ziemlich herausfordernd ist, war das ein echter Glücksfall. Auch wenn es vielleicht verrückt klingt, eine Mietwohnung teilweise selbst zu renovieren, war es im Nachhinein eine der besten Entscheidungen. Die einzige Herausforderung war, dass wir für die gesamte Renovierung nur zwei Monate Zeit hatten. Deshalb mussten viele Entscheidungen sehr schnell getroffen und umgesetzt werden. Vier Jahre später gibt es natürlich noch immer Dinge, die nicht ganz so geworden sind, wie ich sie ursprünglich geplant hatte. Aber das Leben verändert sich ständig, und genauso entwickeln sich auch Räume weiter. Irgendwann entsteht eine gewisse Gelassenheit gegenüber dieser Art von dauerhafter Unvollkommenheit.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben und wie hat er sich entwickelt?

Den eigenen Stil zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Wenn ich ihn zusammenfassen müsste, würde ich sagen, dass mich der Kontrast zwischen etwas Organischem oder Unperfektem und etwas sehr Bewusstem oder Gestaltetem interessiert. Manche Objekte faszinieren mich gerade wegen ihrer Schlichtheit, andere wegen ihrer Bedeutung innerhalb der Designgeschichte. Ich mag diese Mischung. Gleichzeitig soll sich ein Raum ruhig anfühlen. Er sollte Kraft geben und nicht überfordern. Das gilt für Materialien, Licht, Oberflächen und am Ende auch für die kleinen Unvollkommenheiten, die einen Ort menschlich machen. Ich glaube, meine Ästhetik ist auch durch meine unterschiedlichen kulturellen Einflüsse entstanden. Ich bin in einem lebendigen, vielschichtigen und manchmal unperfekten Südosteuropa aufgewachsen und habe mein Berufsleben in Ländern geprägt, die oft genau das Gegenteil verkörpern. Wahrscheinlich versuche ich deshalb gar nicht, mich in eine einzige Definition einordnen zu lassen.

Welche Möbelstücke finden wir bei dir und welche Geschichte steckt dahinter?

Als Erstes denke ich tatsächlich an meine Stühle. Da wäre zum einen der wahrscheinlich bequemste Holzstuhl überhaupt: der Neva Chair, entworfen von ehemaligen Studienkollegen, die heute das Designstudio regular.company führen, und produziert von Artisan, einem Unternehmen, mit dem ich ebenfalls zusammenarbeite. Ein weiteres Lieblingsstück ist der Strip Chair von Gijs Bakker für Castelijn aus den 1970er-Jahren, den ich zufällig in einem Münchner Vintage-Laden entdeckt habe. Solche Funde machen für mich oft den größten Reiz aus.

Wie entscheidest du, was du kaufst?

Ich habe gelernt, auf meine Intuition zu hören. In meinem Beruf komme ich regelmäßig mit außergewöhnlich schönen Objekten in Berührung. Dadurch habe ich festgestellt, dass der Wunsch, etwas besitzen zu müssen, mit der Zeit oft wieder verschwindet. Und manchmal ergibt sich genau im richtigen Moment die perfekte Gelegenheit, sei es durch einen glücklichen Fund bei eBay, eine schöne Zusammenarbeit oder einen lange geplanten Kauf von der persönlichen Wunschliste. Trends beschäftigen mich dabei immer weniger. Stattdessen versuche ich, zeitlose Entscheidungen zu treffen. Wenn ich etwas Neues kaufe, sollte es nachhaltig produziert sein und langfristig Bestand haben. Trotzdem würde ich mich fast immer für ein gutes Secondhand-Stück entscheiden.

Was ist dein liebster Ort in der Wohnung?

Eingekuschelt in das Cosima Sofa und dabei zuzusehen, wie das Morgenlicht über die unverputzten Wände im Wohn- und Essbereich wandert.

Wie sieht dein Alltag aus?

Zum Glück ist jede Woche ein bisschen anders. Ich arbeite sowohl im Büro als auch an meinen freiberuflichen Projekten, die meist von zu Hause aus entstehen. Die Morgen beginnen oft ziemlich lebhaft: Mein Kind und ich machen uns gemeinsam fertig und kurz nach acht steigen wir aufs Fahrrad. An anderen Tagen genieße ich genau dieses Morgenlicht am Esstisch, während ich dort arbeite. Wenn ich als Interior Stylistin unterwegs bin, gehören natürlich auch Reisen und Logistik dazu. Gerade war ich wieder in Mailand und habe dort den Messestand von Artisan auf der Rho gestaltet. Mein Alltag ist manchmal ziemlich dynamisch, aber langweilig wird er eigentlich nie.

Wünschst du dir manchmal, noch mehr im internationalen Geschehen mitzumischen?

Hier ist es auf jeden Fall ruhiger und konservativer. Aber auch sehr loyal, sehr verlässlich und wenig anonym. Ich kenne plus/minus all unsere Kunden und verbinde damit auch wirklich im weitesten Sinne ein Gesicht. Das ist, glaube ich, eine Entscheidung gegen das zum Teil sehr feldorientierte, Anonymere – hin zu etwas Intimerem, Persönlichen. Und auch dafür, näher am Werk zu sein.

Kunst zu kaufen ist eine Investition, die eine große emotionale Komponente hat. Ist das in Krisenzeiten ein Vor- oder Nachteil?

Die Ökonomin Clare McAndrew hat das in einem Interview, das vor einiger Zeit in der FAZ erschien, sehr gut erklärt. Es gibt den Bereich bis 5.000 €, der Lust und Leidenschaft und das Gefühl abdeckt, etwas zu brauchen, das einen glücklich macht, das den Geist nährt. Auch daraus kann eine gute Investition entstehen – aber eher „aus Versehen“. Und der andere Bereich ist dieser wirklich hochpreisige Bereich, der bei uns ab einer Viertel- oder halben Million entsteht – ein Bereich, in dem man Werte kauft, die bereits vom Markt bestätigt wurden und die sich halten werden.

Das klingt, als würde man Gold in der Kunst kaufen.

Dem Goldvergleich zufolge würde ich in der aktuellen Situation denken, dass sich das schon Gesetzte weiter bestätigt und das leidenschaftlich motivierte Kaufen etwas gehemmt ist.

Was ist der Reiz daran, sich eine Auktion physisch im Saal anzusehen oder gar live vor Ort mitzubieten?

Die Stimmung in einem Auktionssaal ist sehr besonders – man kann wirklich nur herzlich dazu einladen. Viele sind immer wieder überrascht davon, dass es sich bei Kunstauktionen um öffentliche Veranstaltungen handelt. Man muss sich nicht besonders anziehen, man muss kein Ticket lösen, und es passiert auch nichts, wenn man winkt. Ganz unabhängig von der Kunst kommen verschiedene Menschen zusammen, die sich ohne Absprache entscheiden, auf dieses eine Los zu setzen.

Was ist dabei die große Unbekannte?

Obwohl alles sehr präzise vorbereitet ist, gibt es am Ende diese fünf Prozent, die nicht steuerbar sind und die häufig für Gänsehaut sorgen. Am Telefon oder auch im Saal sitzen echte Menschen mit ihren emotionalen Regungen, die von uns nicht zu kontrollieren oder zu beeinflussen sind. Und so kommt es manchmal zu diesen magischen Momenten. Es ist komplett still im Saal, und du weißt: Da überlegt jemand an den Telefonen: gehe ich noch weiter oder nicht? Dieses Anhalten ist wie ein retardierendes Moment in der Musik. Und wenn jemand etwas unbedingt haben möchte, entsteht ein Preis, der mit unseren Einschätzungen gar nichts mehr zu tun hat. Da steckt viel Emotion drin und das ist überwältigend schön. Unabhängig davon, dass wir daran auch verdienen. Ich glaube, es gibt niemanden im Saal, der diesen magischen Moment nicht versteht.