Raum, Mensch und Zeit

Ana Vollenbroich und Annelen Schmidt-Vollenbroich betrachten Gebäude immer auch mit ihrer Vorgeschichte. Nicht nur, aber auch deshalb geht alles, was die Nidus-Gründerinnen anpacken, in die Tiefe. Ihr Düsseldorfer Architekturunternehmen zeigt, was die Arbeit an und mit Immobilien eigentlich ausmacht: Orte zu entdecken und neu zu denken. Genau das gelang den beiden zuletzt bei einer entweihten Kirche aus den 70er Jahren. Derzeit widmen sie sich einer ehemaligen Glasmalerei.

Wie erkennt man den Zauber einer Immobilie?

Anna Vollenbroich: Der Zauber ist selten laut. Oft ist es ein kleines Detail, das hängen bleibt – das Licht, der Klang eines Raums oder ein überraschender Blickbezug. Wir versuchen, offen zu bleiben für diese leisen Zeichen. Manchmal braucht es auch ein bisschen Vorstellungskraft, aber meistens sagt uns ein Ort ziemlich schnell, ob er etwas erzählen möchte. Es ist fast wie eine Begegnung mit einer Person - da spürt man auch oft innerhalb von Sekunden, ob ein Draht da ist.

Kann man das lernen?

Annelen Schmidt Vollenbroich: Ja, vor allem durch Erfahrung. Man muss viele Räume erleben, auch solche, die einem vielleicht auf den ers- ten Blick nichts geben. Es ist ein Prozess des langsamen Sehens - irgendwann erkennt man Muster, Nuancen, Qualitäten, die man vorher übersehen hätte. Und man muss sich ein bisschen trainieren, seine eigene Intuition ernst zu nehmen. Wenn man das Gefühl hat, „Hier stimmt was“, lohnt es sich fast immer, genauer hinzuschauen. Es ist wie ein Muskel, der über die Jahre, mit jedem Projekt, jedem Ort stärker wird.

Was hat euch geholfen, euren Blick dafür zu schulen?

AV: Ganz klar: das Machen. Theorie ist wichtig, aber der authenti- sche Blick entsteht durch die Auseinandersetzung mit realen Räu- men. Unsere Neugier war immer ein Motor. Wir sind beide viel gereist, haben oft die Route verlassen, einfach um zu schauen, was sich hinter der nächsten Ecke befindet. Aber auch Gespräche mit Handwerker:innen, Künstler:innen, Bewohner:innen haben uns geprägt. Es geht nicht nur um Architektur im engeren Sinne, sondern um ein Gefühl für das Zusammenspiel von Raum, Mensch und Zeit; für die Geschichten, die in den Gebäuden stecken und sie zum Leben erwecken.

Ein Ort, der zu Nidus passt, was muss er konkret mitbringen?

ASV: Wir suchen Orte mit Widerstand, mit Vergangenheit, mit Eigensinn. Etwas, das Fragen aufwirft, das Reibung erzeugt. Das reizt uns. Wenn uns ein Haus herausfordert und sich nicht sofort vollständig erschließt, ist das oft ein gutes Zeichen. Nidus ist nie glatt. Unsere Projekte leben von dieser Spannung zwischen Alt und Neu, Bekanntem und Ungewohntem.

Wenn ihr dieses Objekt gefunden habt, beginnt dann die eigentliche Arbeit? Wie findet ihr den richtigen Weg für das Projekt?

AV: Wir beobachten viel, lassen den Ort auf uns wirken. Wir skizzieren nicht sofort, sondern bauen zuerst ein Verständnis auf: Was braucht dieser Ort? Was braucht dieser Mensch? Dann entsteht nach und nach ein Gefühl für die Richtung. Es ist ein bisschen wie eine Wanderung ohne Karte, man läuft los, mit einer inneren Idee, aber die Landschaft zeigt einem den Weg.

Gibt es Häuser, bei denen Hopfen und Malz verloren sind?

AV: In seltenen Fällen, ja. Aber meistens liegt das weniger am Haus selbst als an äußeren Faktoren wie unrealistischen Anforderungen, fehlender Substanz oder einem Kontext, der keine Luft zum Atmen lässt. Wir glauben aber daran, dass fast jedes Haus eine zweite Chance verdient. Oft geht es gar nicht darum, alles zu retten, sondern klug loszulassen, was nicht mehr trägt. Und das, was bleibt, in einen neuen Zusammenhang zu stellen. Verlust kann auch der Anfang von etwas Neuem sein.

In Düsseldorf habt ihr zuletzt eine Kirche aus den 70ern in ein Wohnhaus verwandelt, jetzt widmet ihr euch einer einstigen Glasmalerei. Wie bekommt ihr derart außergewöhnliche Orte zwischen die Finger?

AV: Wir sind ständig auf der Suche, auch abseits des Offensichtlichen. Viele Objekte finden uns über persönliche Kontakte, Empfehlungen oder durch unsere wachsende Präsenz in bestimmten Regionen. Wir haben gelernt, geduldig zu sein. Manche Projekte brauchen Jahre, bis sie sich realisieren lassen. Wir lieben es, Orte zu entdecken, die andere vielleicht übersehen – genau da liegt oft das größte Potenzial.

Wenn solche Orte übersehen werden, liegt das wohl auch daran, dass sie ursprünglich nicht als Wohnraum gedacht waren. Wie geht das, einen Kirchensaal in ein Wohnzimmer zu verwandeln?

ASV: Indem wir nicht versuchen, etwas zu „verkleiden“, sondern den Orten ihre Geschichte zu lassen. Wohnen bedeutet für uns nicht nur Sofa und Esstisch – es geht um Atmosphäre, um Geborgenheit, um Sinnlichkeit. Wir achten auf Proportionen, auf Licht, auf Materialien. Und wir arbeiten oft mit Handwerkern, die unsere Ideen verstehen und mit Leben füllen. Es ist ein Balanceakt zwischen dem Bestehenden und dem Neuen. Der Raum darf seine Geschichte zeigen – aber er muss einen neuen Rhythmus bekommen.

Genau das ist euch zuletzt auch beim Umbau eines Bauernhauses aus den 60er-Jahren gelungen, in Ostfriesland. Was reizt euch an dieser Re- gion, die viele Menschen nicht unbedingt auf dem Radar haben?

AV: Es sind die Horizonte. Die klaren Linien, die Weite, die Stille. In Ostfriesland begegnet uns eine Landschaft, die nicht laut sein muss, um tief zu wirken. Diese Weite weitet auch unseren Blick – gibt Raum zum Denken, zum Atmen, zum Gestalten. Uns faszinieren dort nicht nur die Landschaften, sondern auch die regionalen Baumaterialien, die Einfachheit der Formen, die Selbstverständlichkeit von Funktion und Ästhetik.

Wird das Land und seine Lebensqualität unterschätzt?

Ja, dabei steckt dort eine Lebensqualität, die in ihrer Klarheit und Echtheit unglaublich zeitgemäß ist. Man muss nur genau hinsehen.

Am nachhaltigsten ist bekanntlich das, was schon da ist. Wie blickt ihr bei euren Projekten auf vorhandene Ressourcen?

ASV: Wir glauben nicht an Nachhaltigkeit als „Feature“. Für uns beginnt sie ganz am Anfang: beim Umgang mit dem Bestand. Jeder Ziegel, der nicht abgerissen wird, zählt. Wir versuchen, möglichst viel zu bewahren, Materialien wiederzuverwenden und neue Elemente so zu integrieren, dass sie auch in 50 Jahren noch Sinn machen. Kreislaufwirtschaft ist für uns kein Modewort, es ist ein Grundprinzip. Und gleichzeitig eine ästhetische Haltung: Was schon da ist, hat eine Würde.

Was wünscht ihr euch in Zukunft vom Umgang mit Architektur?

Wir wünschen uns einen klügeren, kulturell bewussteren Umgang mit Architektur. Weniger Technik, weniger Standardlösungen – dafür mehr Weiterbauen, mehr gestalterische Qualität, mehr Verantwortung für das, was wir hinterlassen. Gebäude sollten nicht nur wirtschaftlich funktionieren, sondern auch kulturell tragen – als Räume mit Identität, Substanz und Zukunftsfähigkeit. Einfacher bauen heißt für uns: mit mehr Verstand, weniger Verschwendung und dem Mut zur Reduktion.

Gibt es einen Ort, den ihr unbedingt noch gestalten wollt?

ASV: Unser Traum ist weniger an einen einzelnen Ort gebunden – wir träumen davon, unsere Architekturkollektion zu erweitern: Jedes Projekt für sich einzigartig, und doch Teil eines größeren Ganzen. Damit haben wir ja bereits begonnen – mit besonderen Immobilien, die nicht nur Orte sind, sondern Erlebnisse. Vielleicht gibt es irgendwann ja ein Nidus Hotel, in dem all das zusammenkommt.