Wir sind keine Inseln

Ruba Abu-Nimah hat eine tiefe Faszination für die visuelle Welt. Aus diesem Grund wurde sie Grafikdesignerin. Auch heute besteht ihr Handwerk darin, Erscheinungsbilder zu erdenken, nur, dass sie damit große Marken wie Shiseido, Tiffany & Co. oder Revlon neu erfindet. Die Schweizerin mit palästinensischen Wurzeln verbrachte ihre Kindheit in London, lebt heute in New York und zählt zu den Koriphäen im Branding. Ihre größten Herausforderungen sind meist nicht die Projekte selbst, sondern die eigenen Ambitionen.

Du blickst auf eine lange Karriere zurück. Welches Projekt ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Jeder Auftrag bringt seine eigenen Herausforderungen mit sich und kein Projekt ist jemals gleich. Wenn ich etwas Neues beginne, bin ich jedes Mal wieder davon überzeugt, dass ich keinen Erfolg haben werde. Die größte Herausforderung ist nicht das Projekt selbst, sondern das Gewicht meiner eigenen Ambitionen.

In deiner Arbeit scheinen Ästhetik und Haltung den gleichen Stellenwert zu haben. Wie schaffst du es, beides in Einklang zu bringen?

Im Grunde geht es um die Summe vieler einzelner Teile und die eigentliche Aufgabe besteht darin, einen Weg zu finden, wie alle Elemente harmonisch zusammenwirken können.

Wie lässt sich das erreichen?

Der Erfolg hängt davon ab, die richtigen Leute zusammenzubringen – diejenigen mit Talent, Instinkt und Erfahrung – und ihnen die Freiheit zu geben, das zu tun, was sie am besten können. Wenn es eine Lektion gibt, die ich im Laufe der Jahre gelernt habe, dann ist es, dass keiner von uns alleine erfolgreich sein kann. Wir sind keine Inseln. Es braucht eine starke, vertrauenswürdige Gruppe, die nicht durch Mikromanagement belastet ist, um etwas Sinnvolles zu erreichen.

In einer Welt, in der Bilder und Botschaften einen enormen Einfluss haben – fühlst du dich trotz all deiner Kreativität verantwortlich?

Absolut. In der Welt, in der wir leben, kann Kreativität nicht in einem Vakuum existieren. Ich fühle eine tiefe Verantwortung, nicht den Ausdruck zu zensieren, sondern mir der Auswirkungen bewusst zu sein, die er haben kann. Jedes Bild, jedes Wort trägt zu einer größeren kulturellen Erzählung bei. Kreativität hat immer mit Freiheit, Wahrnehmung, Intention und bewusster Disruption zu tun. Das Entscheidende dabei ist die Balance.

Du hast in der Vergangenheit mehrmals betont, wie wichtig kulturelle Referenzen sind. Wie navigierst du zwischen Inspiration und Aneignung?

Bei Inspiration geht es darum, aus dem Wesen einer Kultur zu schöpfen: ihren Philosophien, ihrer Ästhetik, ihren Werten oder ihren Schaffensweisen – und gleichzeitig etwas Neues aus sich selbst beizusteuern. Das entsteht durch Respekt, Recherche und Dialog. Aneignung findet statt, wenn Elemente aus ihrem Kontext herausgenommen, vereinfacht oder oberflächlich für ästhetische Zwecke verwendet werden, ohne dass ihre Bedeutung für die Kultur, aus der sie stammen, gewürdigt, genehmigt oder berücksichtigt wird. Wie beeinflusst deine eigene kulturelle Identität deine Arbeit? Wer ich bin und woher ich komme, durchdringt meine gesamte Arbeit. Es wäre schrecklich und unecht, meine Geschichte und meine Herkunft zu leugnen.

Deine Teenagerjahre hast du in London verbracht. Wie hat dich diese Zeit geprägt?

London hat meine Designästhetik wirklich geprägt. Es ist eine Designstadt und eine Stadt, die Design respektiert und viel ernster nimmt als die meisten anderen Städte. Design wird dort so sehr berücksichtigt, dass die meisten Menschen es gar nicht bemerken.

Was hat damals dein Interesse an Design geweckt?

Ich liebte es und alles, was mit Design zu tun hatte, bevor ich überhaupt verstand, was das eigentlich bedeutet.

Welche Bücher, Bilder oder Orte inspirieren dich immer wieder aufs Neue?

Es sind zu viele, um sie alle zu nennen, aber die Arbeiten von Bruce Davidson, Danny Lyon, Robert Frank und Evelyn Hoffer sind für mich besonders einflussreich. Und Andy Warhol!

Gibt es ein Projekt außerhalb deines üblichen Tätigkeitsbereichs, an dem du gerne einmal arbeiten würdest?

Ich würde gerne etwas schaffen, das mit der Geschichte und den Wurzeln meiner Familie in Verbindung steht, vielleicht ein Buch – als Hommage an meine Herkunft. Nicht verbunden mit Mode oder Kommerz, sondern einfach ein Dokument, das Bestand hat, eine Möglichkeit, Erinnerungen für meine Kinder und deren Kinder zu bewahren.

Kann Design die Welt verändern?

Natürlich! Steve Jobs hat das bewiesen. Für mich war seine Arbeit eine Erinnerung daran, dass Design keine Dekoration ist, sondern Vision und Absicht. Durch Design hat er die Art und Weise, wie wir kommunizieren, wie wir Informationen konsumieren und sogar wie wir unser tägliches Leben bestreiten, revolutioniert.

Worin genau liegt die Kraft des Designs?

Es beeinflusst unser Verhalten, verändert die Kultur und setzt neue Paradigmen. Das hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf die Sichtweise meiner eigenen Arbeit: Im Design geht es nicht nur darum, ein Problem zu lösen, sondern darum, Bedeutung zu schaffen und neu zu definieren, was wir für möglich halten.